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Azubi "dreht durch"

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    Azubi "dreht durch"

    Guten Tag verehrte Kolleginnen und Kollegen,

    mein Name ist Kristina Jäger und ich bin Ausbildungsleiterin in einem Unternehmen der Transport- und Logistikbranche. Derzeit bin ich übergreifend und in Zusammenarbeit mit den Fachkräften in den einzelnen Abteilungen für 17 Auszubildende zuständig.

    Ich habe dieses Forum leider heute erst entdeckt und bin schlichtweg begeistert.

    Beim stöbern habe ich ich schon viele Themen gefunden, welche ich ebenfalls als Probleme / Umstände in meinem Tätigkeitsbereich bereits kennenlernen musste.

    Just heute habe ich ein Gespräch mit einem meiner Azubis führen müssen, bei dem ich selbst am Rand der Ratlosigkeit endete.

    Bitte lassen Sie mich folgendes Szenario schildern:

    Der junge Mann saß völlig verstört und weinend in einer Zimmerecke und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ich sprach mit ihm und er hat mir Probleme aus seinem Privatleben geschildert, bei denen selbst ich nichts mehr zu sagen wusste.

    Er ist seit Wochen schon unkonzentriert, müde und unzuverlässig. Daraus folgten massive Fehler.

    Am Montag haben wir aus diesem Grund einen Termin (wurde schon vor dem heutigen Gespräch vereinbart) bei unserem Vorgesetzten und ich möchte vermuten, dass der junge Mann dort die Nerven verliert... Er scheint psychisch tatsächlich instabil zu sein.

    Meine Frage ist: Wie kann ich als Ausbilderin hier vermittlen? Natürlich bin auch ich meinem Arbeitgeber verpflichtet und dafür zuständig, dass der "Laden läuft". Andererseits habe ich Mitgefühl für die Situation meines Azubis und möchte ihn nicht fallen lassen.

    Wie verhalte ich mich korrekt? Was kann ich machen?

    Über ein Feedback würde ich mich wirklich sehr freuen!

    Schon vorab vielen Dank!!!!

    Mit besorgten Grüßen
    Kristina Jäger

    #2
    Hallo Frau Jäger,

    mein Vorschlag ist, über die zuständige Kammer Möglichkeiten von ABH (Ausbildungsbegleitende Hilfe) erfragen, dort muss/sollte ein Sozialpädagoge vorhanden sein und diesen involvieren. (Zustimmung des Azubis vorausgesetzt)
    In diesem Bereich, das weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung, stößt man ohne entsprechende Ausbildung ganz schnell an seine eigenen Grenzen.

    mit Gruß

    Thomas Thönniß
    Zuletzt geändert von thomas.thönniß; 31.05.2007, 13:52.
    www.tapt.de

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      #3
      Hallo Frau Jäger,
      Herr Thönniß hat bereits sehr kompetent auf Ihren Hilferuf geantwortet. Seien Sie bei allem Mitgefühl auf der Hut vor dem Helfer-Syndrom. Das Wichtigste ist für Sie, sich nicht als "Psychologe" vereinnahmen zu lassen, wenn Sie dazu nicht ausgebildet sind oder die notwendige Erfahrung mitbringen. Da können nur Experten wirklich helfen. Dazu sollten Sie sich auch an die zuständige Arbeitsargentur wenden. Dort gibt es geschultes Personal, dass Ihnen vielleicht helfen kann. AbH sind erfahrungsgemäß knapp und nicht überall zu finden.
      Was Sie aber darüber hinaus tun können ist, den Auszubildenden zum Vorgesetzten zu begleiten, dessen Zustimmung vorausgesetzt.
      Frau Jäger, Ihre Mail hat mich sehr berührt. Es tut gut, noch Ausbilderinnen zu erleben, für die ihre Auszubildenden nicht Arbeitskräfte sind, sondern hilfsbedürftige Jugendliche, chapeau!

      Mit internetten Grüßen
      Ihr Adalbert Ruschel
      Adalbert Ruschel
      Professor i.R. Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
      Autor und Ko-Autor von Büchern und Buchbeiträgen zur beruflichen Bildung

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        #4
        Hallo Frau Jäger,

        da ich Ihren bisherigen Beiträgen entnehme, dass Sie lieber agieren als reagieren, sollten Sie zunächst Ihre Frage umformulieren
        Nicht: Wie soll ich reagieren?
        sondern: Was kann ich machen, dass es nicht in Folge einer Drohung zu einer Verstärkung des Problems kommt?
        Das Existieren eines Ersthelfers entbindet schließlich auch niemanden von der Beachtung der UVV.

        Was das Problem verstärkt oder abschwächt, kann Ihnen nur ein Spezialist beantworten. Ich gehe aber mit Ihnen überein, dass eine Drohung der Sache sicherlich nicht dienlich ist.

        Das Unternehmen muss sich im Raum der Rechtssicherheit bewegen. Zu diesem Zweck existieren Ermahnung und Abmahnung, Drohungen gehören definitiv nicht dazu, aufgrund falscher Kommunikation werden aber Ermahnung und Abmahnung häufig als Drohung empfunden. Folglich müssen Sie an der Kommunikation oder dem Verstehen derselben arbeiten.
        Der Weg mit der höchsten Effizienz ist der, die Kommunikation im Vorfeld auf die Gegebenheiten anzupassen. Da Ihr Vorgesetzter diese übernimmt, würde ich an Ihrer Stelle das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen, um diesen auf die Gegebenheiten und Umstände aufmerksam zu machen und das Azubigespräch in einen vernünftigen Rahmen zu lenken. (Tip: Sparen Sie Details und Tiefe der Probleme aus und betonen Sie die Verantwortung die WIR (das Unternehmen) gegenüber dem Azubi haben). Dies enthebt niemanden von möglichen rechtlichen Schritten (Abmahnung) aber alle behalten Ihr Gesicht und das Gespräch mit dem Azubi kann lösungsorientiert und nicht problemorientiert geführt werden. Informationen über ein mögliches Nutzen von AbH sollten Sie in jedem Fall vor dem Azubigespräch an den Vorgesetzten geben, sonst wird es leicht zu Ihren Ungunsten (in den Rücken fallen!) ausgelegt.

        Mit diesem voran gegangenen Agieren ist das Reagieren auch wesentlich einfacher für Sie. Sollte Ihr Gespräch keinen Erfolg haben, bleibt Ihnen sicherlich nur die Reaktion, aber die liegt dann in der Erklärung was eine Ermahnung/Abmahnung bedeutet. Keinesfall eine Drohung, sondern eine Chance, sich zu bewähren in dem man den selben Fehler (es ist nur einer!) nicht nochmal macht, also durchaus im Bereich des "Vermeidbaren" da man nicht machen sondern nur vermeiden muss - und was ist leichter als nichtstun?

        Vielleicht hilft es Ihnen, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, ich hoffe es zumindest.

        Was mir beim nachträglichen Lesen Ihres ersten Artikels noch auffiel, bei der Größe Ihres Unternehmens geschätzt an der Anzahl der Auszubildenden, vermute ich in Ihrem Unternehmen die Existenz eines Betriebsrates. Ich meine mich erinnern zu können, das es über Gewerkschaften auch Hilfestellung im Bereich sozialpädagogischer Hilfe gab. Vielleicht könnten Sie auch diese Richtung prüfen.

        mit nettem Gruß

        Thomas Thönniß
        Zuletzt geändert von thomas.thönniß; 31.05.2007, 22:35.
        www.tapt.de

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          #5
          Hallo!

          Eigentlich gibt es bei den ausführlichen Antworten nichts mehr hinzuzufügen...

          Ich kann die Situation, in der Sie sich befinden, jedoch gut nachempfinden. Einerseits ist man in der Rolle des "Arbeitgebers bzw. Ausbildenden", der zusehen muss, dass der Geschäftsablauf reibungslos funktioniert und andererseits ist man "Mensch bzw. Ansprechpartner", der sich auch von (Mit-)Gefühl leiten lässt.

          Zu schnell trifft man jedoch gerade im psychologischen Bereich an Grenzen, an welchen es besser ist, sich professionelle Hilfe von außen zu holen anstatt selbst zu "doktorn" und so das Problem eventuell zu verschlimmern.

          Dazu noch folgende Anregungen: Wenn das Problem des Auszubildenden "rein" privater Natur ist (zumindest die Ursachen - dass es Auswirkungen auf die Ausbildung hat, beschreiben Sie ja recht deutlich), empfehle ich, dem Auszubildenden auch die Möglichkeit aufzuweisen, sich eventuell an das "Sorgentelefon" oder ähnliche Einrichtungen von Jugendamt oder kirchlicher Institutionen zu wenden. Eine Alternative ist u.U. auch die Berufsschule. Einige haben meiner Kenntnis nach nicht nur Vertrauenslehrer, sondern auch Sozialpädagogen beschäftigt, welche gerade für die Probleme der sog. "peer-group" ausgebildet sind.

          Andererseits muss ich Herrn Thönniß voll zustimmen. Dass Nicht- oder Schlechtleistung während der Ausbildung Folgen haben kann, weiß jeder Auszubildende und auch ein Arbeitgeber kann nicht aus reinem Mitgefühl jemanden "durchschleifen". Aber welche "Sanktionen" in welchem Ausmaß wie an den Auszubildenden herangetragen werden, erfordert auch eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl. Einerseits sollte der Auszubildende es nicht als persönlichen Angriff werten, andererseits müssen ihm die Konsequenzen seines Verhaltens in vollem Umfang bewusst werden. Die Waage zwischen Sachlichkeit und Verständnis gilt es auszubalancieren - nicht immer eine einfache Aufgabe. Und vor allem nicht immer angenehm...

          Abschließend schließe ich mich nochmals Herrn Thönniß an: Manchmal ist agieren besser als reagieren und da Sie sich bereits im Vorfeld diverse Gedanken machen, wollen Sie agieren, um Konflikte vielleicht bereits vorher zu umschiffen. Ich hoffe auch, dass das Vertrauensverhältnis in Ihrer Firma so groß ist, dass Sie auch ohne private Details des Auszubildenden explizit zu nennen (und so sein Vertrauen verdienen), für ihn Verständnis gewinnen können und ihm eine "Aufschubfrist" gewähren, in welcher er sich wieder erholen und seine Ausbildung mit gutem Ergebnis abschließen kann. Denn schließlich sollte das aller vorrangiges Ziel sein.

          Ich wünsche Ihnen bei den bevorstehenden Gesprächen viel Erfolg!

          Mit besten Grüßen
          Judith Hausknecht
          Zuletzt geändert von judith.hausknecht; 01.06.2007, 09:13.

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            #6
            Azubi "dreht durch"

            Hallo,

            Tolle Erfahrungen haben wir in der Zusammenarbeit mit dem sozialpsychiatrischen Dienst gemacht. Schnelle und kompetente Hilfe für beide Seiten ( "Gehhilfen" für den Ausbilder, in welcher Situation er Problemverstärkend bzw -vermindernt wirkt).

            Viele Grüße

            Solveig Hafemann
            Zuletzt geändert von Solveig Hafemann; 04.06.2007, 12:31.

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              #7
              Hallo Frau Jäger,

              dann freue ich mich mit Ihnen und Ihrem Azubi

              Gruß

              Thomas Thönniß
              www.tapt.de

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                #8
                Gratulation, Frau Jäger, die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt!
                Ihr Adalbert Ruschel
                Adalbert Ruschel
                Professor i.R. Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
                Autor und Ko-Autor von Büchern und Buchbeiträgen zur beruflichen Bildung

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                  #9
                  Hallo Frau Jäger,
                  ich möchte den qualifizierten Beiträgen nur noch einen Hinweis anfügen.
                  In unserer Ausbildungseinrichtung wird den Teilnehmern ein Training der sozialen Kompetenzen angeboten (Konzept nach Hinsch/Pfingsten). Die darin behandelten Standardsituationen sind zwar überwiegend aus dem beruflichen Umfeld. Unser Trainerteam hat jedoch eine Reihe von Rollenspielen entwickelt aus dem privaten Umfeld. Die Erfahrung lehrt, dass berufliche und private Probleme sich nie messerscharf trennen lassen und manchmal einander bedingen können.
                  Das Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK) hat keinen therapeutischen Ansatz, sondern kommt eher aus dem Bereich Kommunikationstraining.

                  Dem Azubi (neben evtl. notwendigen therapeutischen Maßnahmen) ein GSK anzubieten / zu vermitteln, könnte sich als eine langfristig günstige Schiene erweisen.

                  Mit freundlichen Grüßen
                  Konrad Heil
                  Seelsorger
                  Dipl.-Handelslehrer
                  Dipl.-Betriebswirt (FH)

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